Inkontinenz bedeutet unkontrollierter Urinverlust und ist eine gefürchtete Langzeit – Nebenwirkung bei der Kastration bei der Hündin. Man spricht bei dieser Art von Inkontinenz von einer Schließmuskel – Inkompetenz (USMI=urethral sphincter mechanism incompetence). Typischerweise tritt sie 2 – 4 Jahre nach der Kastration auf (kann aber auch schon nach ein paar Monaten sein), wobei vor allem größere Hunderassen betroffen sind. Meist ist es ein schleichender Prozess und beginnt mit „Bettnässen“. Viele Besitzer fragen sich am Anfang ob es wirklich Inkontinenz ist und suchen nach anderen Erklärungen als Ursache dafür, dass die Hündin plötzlich ins Bett macht. Natürlich gibt es auch andere Ursachen für Inkontinenz als die Folgen einer Kastration – es kommt ja auch bei unkastrierten Hündinnen und Rüden vor.

Mögliche Ursachen können sein:

  • Anatomische Anomalitäten (angeboren -häufigste Ursache beim Welpen)
  • Neurologische Probleme (Verletzung des Rückenmarks oder der Nerven)
  • Altersbedingte Inkontinenz
  • PU/PD (bedeutet Trinkmenge und Urinmenge erhöht)
  • Harnvolumen (Blasendruck) erhöht (z.B. Blasensteine, Blasenlähmung)
  • Stress und andere äußere Faktoren?

Symptome

Inkontinenz (USMI) beim erwachsenen Hund ist in der Regel ein schleichender Prozess. In vielen Fällen merkt der Besitzer, dass die Hunde im Schlaf Urin verlieren, unter Tags aber vollkommen normal sind. Es kann auch zu gelegentlichem Urinverlust bei Aufregung wie Bellen, Springen oder Ähnlichem kommen. Blasenentzündungen kommen öfter im Zusammenhang mit Inkontinenz vor, möglicherweise durch die Nässe im Bereich der Harnröhrenöffnung, welche eine Infektion mit Bakterien begünstigt. Eine Blasenentzündung kann ihrerseits aber auch die Symptome von Inkontinenz verschlimmern.

Häufiges Urinieren aufgrund von Stress oder aus Protest wie es bei Katzen häufig vorkommt sollte nicht mit Inkontinenz verwechselt werden. Dabei kann das Tier sehr wohl seine Blase kontrollieren.

Stressbedingte Inkontinenz – gibt es sie beim Hund?

Man kennt es z.B. bei Kindern, dass sehr stressvolle Situationen oder psychische Belastungen zu „Bettnässen“ führen können. Auch bei Frauen ist Stress – Inkontinenz ein bekanntes Problem. Aber gibt es dies auch beim Hund? Wissenschaftlich konnte dies nicht nachgewiesen werden. Ich bin mir sicher es gibt den ein oder anderen Fall, aber viel dazu dokumentiert findet man nicht. Konkret bedeutet dies, dass man in Einzelfällen entscheiden muss, ob Stress ein möglicher Auslösefaktor sein kann und überlegen muss, wie man dieses Problem managed bzw. ob man das Tier weiterer Diagnostik aussetzt oder ihm vielleicht einfach etwas Zeit gibt und versucht die Stressfaktoren auszuscheiden. Es bedeutet aber auch, dass in den meisten Fällen wahrscheinlich eine „echte“ Inkontinenz dahintersteckt.

Diagnose

Die Diagnose von Inkontinenz (USMI) wird gestellt, indem man andere Ursachen ausschließt. Dies kann man mit neurologischer Untersuchung, Ultraschall, Kontraströntgen – noch sicherer aber mit CT oder endoskopisch erzielen. Diese Methoden sind zum Teil sehr kostspielig und erfordern viel spezielles Können seitens der Tierärzte weshalb in der normalen Praxis oft nur Blutbild und Urinuntersuchungen gemacht werden und im Anschluss ein Therapie – Versuch unternommen wird. Bei kastrierten Hündinnen im richtigen Alter ist dies ein akzeptabler Ansatz. Bei unkastrierten Hündinnen und Rüden sollte unbedingt mehr Diagnostik gemacht werden. Bei Jungtieren sollte auf jeden Fall gründlich nach anatomischen Anomalien gesucht werden.

Therapie für Inkontinenz (USMI)

  1. Medikamentöse Therapie:

    Es kommen zwei Kategorien von Medikamenten zum Einsatz:
    Hormone (Östrogene) werden schon sehr lange eingesetzt. Sie werden gut vertragen, können aber in hohen Dosen das Knochenmark supprimieren (selten) und es kann zur Anschwellung der Milchdrüsen und Vulva kommen. Man sollte sie nicht bei unkastrierten Hündinnen und Rüden einsetzen. Die Erfolgsquote liegt bei ca. 65%.
    Alpha-2 Agonisten – häufigster Wirkstoff ist Phenylpropanolamin (PPA). Die Erfolgsquote liegt in den meisten Studien höher als für Östrogene (ca. 80 – 90%). Sie wirken auf die glatte Muskulatur in der Harnröhre, aber auch auf die Gefäße und sollten mit Vorsicht eingesetzt werden, wenn bereits Bluthochdruck oder Krankheiten mit Gefahr von hohem Blutdruck oder Herzerkrankungen bestehen. Weitere seltene Nebenwirkungen können reduzierter Appetit, Unruhe und Magendarm-Probleme sein. Meist verschwinden diese Effekte, wenn man die Dosis reduziert und PPA ist mittlerweile das am häufigsten eingesetzte Medikament für Inkontinenz.

  2. Weitere Optionen:
    Es gibt einige Alternativen zur lebenslangen Therapie mit Medikamenten:
    – Minimalinvasive Injektion von Kollagen oder ähnlichen Produkten um die Harnröhre.
    – Operationen um die Harnröhre zu verlängern.
    – Operationen um die Position des Blasenhalses zu verändern.
    Alle dieser Methoden haben Vor – und Nachteile. Der größte Nachteil ist sicher, dass man nicht vorhersagen kann ob die Therapie erfolgreich sein wird.

Prävention

Die beste Präventionsmaßnahme ist sicherlich ein Verzicht auf die Kastration. Allerdings geht man dabei anderen Risiken wie ungewollte Trächtigkeit und vor allem Milchdrüsentumore ein. Es wurde bereits mehrfach untersucht, ob das Alter der Kastration eine Rolle spielt und tatsächlich konnte bei größeren Hunderassen (>25 kg Erwachsenengewicht) ein Zusammenhang zwischen sehr früher Kastration und Inkontinenz nachgewiesen werden. Dies ist vor allem bei extrem frühen Kastrationen (< 3 Monate) der Fall. Aber es konnte auch gezeigt werden, dass es möglicherweise das Risiko senkt, die Hündin erst zu kastrieren, wenn sie voll ausgewachsen ist. Auch hier muss man zwischen dem Risiko der Mammatumore, welches steigt je später die Hündin kastriert wird und dem Risiko von Inkontinenz abwägen.

Habt ihr Fragen oder Anregungen zu diesem Thema? Oder habt ihr ein Thema über das ihr gerne mehr lesen würdet? Dann würde ich mich freuen wenn ihr kommentiert oder mir schreibt.

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